Das 26. flimmern&rauschen

 

Mit 51 Filmen bot das Jugendfilmfestival flimmern&rauschen 2009 wieder einen interessanten Einblick in das kreative Schaffen der jungen Filmszene Münchens. Ausgewählt und zusammengestellt wurde das Programm vom Medienzentrum München, das dieses Nachwuchsfestival in Kooperation mit dem Stadtjugendamt München, dem Kulturreferat und der Filmstadt München organisiert und durchführt. Das Festival fand vom 29. bis 30. Januar in der Muffathalle in München statt. flimmern&rauschen startete mit dem Wettbewerbsbeitrag "Aliennicious". "Aliennicious" ist nicht nur ein spannender Science-Fiction-Film des Jugendtreffs "Intermezzo", sondern auch ein komplett auf der Basis eines Computerspiels produzierter Machinima-Film. Diese Filme nutzen die Grafik und Animation von Computerspielen und setzen sie als eigene Geschichten um. Machinima ist ein Kunstwort, das sich aus "machine", "cinema" und "animation" zusammensetzt und inzwischen eine große Fangemeinde in der jungen Filmszene hat. Bei flimmern & rauschen sind diese Filme erstmals auf Großleinwand zu sehen. Weitere Filme des Eröffnungsabends waren Beiträge zum Sonderthema des Festivals sowie Kurzspielfilme, die sich mit dem Lebensgefühl Jugendlicher in München auseinandersetzen.

 

Die Jury

Mitglieder der Jury waren Dr. Andreas Rost vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Medienbeauftragte des Stadtjugendamts München Klaus Schwarzer, Kameramann Ludolph Weyer und Britta Müller vom JFF – Institut für Medienpädagogik. Die jugendlichen Vertreter der Jury waren Simon Gerke und Andrea Klein.

 

Preisträger Jugendfilmfest


Sunny Rose

„Sunny Rose“ zeigt, dass auch eine „kleine“ Geschichte neue Perspektiven auf ein nicht ganz so neues Thema eröffnen kann. Der Film über die Chatbekanntschaft und die ersten Begegnungen zwischen den Teenagern Sonja und Dennis, mit offenem Ende, überzeugt durch seine nicht moralisierende Auseinandersetzung mit dem Thema „Akzeptanz von Anderssein“ sowie durch die Verbindung von authentischer Darstellung, psychologisch intelligenter Handlung und filmisch gelungener Umsetzung. „Sunny Rose“ fesselt und berührt nachhaltig ohne dabei klischeehaft zu sein. Das macht ihn zu einem preiswürdigen Film.

...UND DANN STOLPERTE ANNA


Daniel Adams Kurzfilm, entstanden als Produktion der Ausbildungsabteilung der Bavaria Film GmbH, zeigt das von der Idee des „perfekten Zeitmanagments“ getriebene Leben der Berufstätigen Anna. Wir sehen den eingespielten Tagesablauf in einer rasanten wie prägnanten Schnittfolge von Zeitraffer-Einstellungen: Aufstehen, Fitness-Übungen, Duschen, Fitness-Frühstück, Zähneputzen, U-Bahn, 10 Stunden Arbeit, Wurst- und Käsebrot zur abendlichen TV-Serie, Tränen, Schlafengehen.

Annas flüchtige Begegnung mit einem Mann auf dem Weg zur U-Bahn bringt sowohl Annas Leben als auch den Tempolauf des Films aus dem Tritt. Ein anderer Inhalt und eine andere Filmform füllen nun Annas Tagesverlauf als wartende, aus der Bahn geworfene, liebessehnsüchtige Frau aus, die zwar nicht ihrem Mann wieder begegnet, aber als temporär vom Liebesblitz getroffene eine neue Gangart für ihren Lebensrhythmus entwickelt.

Daniel Adam überzeugte die Jury durch seinen präzisen Einsatz wohlüberlegter Stilmittel zur ironisch-gebrochenen Erzählung einer Alltagsgeschichte aus dem Großstadtgetriebe, in das sein Film den Sand der Sehnsüchtigkeit wie Nachdenklichkeit streut.

The Afghan Dream


„Bodybuildung in Afghanistan“, dieses ungewöhnliche Thema weckt Neugier und Erwartungen. Die gut gemachte Reportage „the afghane dream“ enttäuscht diese nicht. Ausgehend von der Darstellung der Beziehung dreier Afghanen zu ihrem Sport gibt sie dem Zuschauenden einen spannenden Einblick in das Selbstverständnis, die Wünsche und Ziele der drei Protagonisten sowie in das Alltagsleben und die politische Gegenwart und Vergangenheit Afghanistans. In kurzweiliger Weise und mit schönen Bildern umgesetzt ermöglicht „the afghane dream“ so den Zutritt zu einer verborgenen Welt und erweitert die Sichtweise auf ein Land, das viele nur im Zusammenhang mit Negativschlagzeilen aus der Fernsehberichterstattung kennen.

May Be


„May Be“ erzählt keine komplizierte Geschichte, sondern den Verlauf einer Sylvesternacht, zu der sich drei Freundinnen per Handykonferenz versuchen zu verabreden. Schließlich feiern sie getrennt, Lena und Micky stürzen mit ihren frustrierten Freunden ab, Ronja verliebt sich in eine Frau. Der Film endet am Neujahrstag mit einer neuen Handykonferenz, bei der sie sich ihrer Freundschaft vergewissern. Mit großer Leichtigkeit werden Beziehungskrisen und Beziehungsneugierde nebeneinander erzählt. Die Nacht wird weggesteckt – das Leben läuft weiter.

Die beiden bei Tag gedrehten Konferenzen und die parallel geschnittenen nächtlichen Erlebnisse der drei ergeben zusammen mit ironischen aber auch ernsthaften Dialogen einen wunderbaren Film über einen kurzen Ausschnitt des Lebens.

Diese Dramaturgie erscheint angesichts des kleinen Budgets clever gewählt und sehr kurzfilmtauglich. Statt in eine große Story stecken die Filmemacher ihre Energie lieber in die Schauspielerführung und in eine gelungene Kameraarbeit, die den Gestaltungsaufwand nächtlicher Drehorte gut bewältigt.
Diese Leistung ist eine – Preis-werte.

Wo wohnt der Wal?


In dem Kurzfilm "Wo wohnt der Wal?" wird die Geschichte von vier skurrilen Personen erzählt, die planen, eine Tankstelle zu überfallen. Der Thriller mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Ironie überrascht die Zuschauer zum Schluss mit einer völlig anderen Sichtweise auf die Story. Im Stil des Film noir wirkt er durch kühl inszenierte Schwarz/Weiß Bilder und intensive Ausleuchtung ästhetisch ansprechend und wurde mit viel Aufwand und Engagement produziert. Diesen Genremix fand die Jury preiswürdig.

Der Kinderfilmpreis


Kartoffelnasen


Filmisch ansprechend und mit passend eingesetzten technischen Tricks umgesetzt, wird eine Geschichte von Mobbing und Ausgrenzung in der Schule erzählt. Der Jury hat sie deshalb so gut gefallen, weil die Kinder der Montessori Schule Sara Grunwald ein Thema aus ihrem Alltag aufgegriffen, dieses aber nicht alltäglich, sondern erfrischend anders bearbeitet haben. So ist es ist eine gute Fee, die plötzlich neben dem traurigen Karl auftaucht und dem Film zu einen positiven Ende verhilft. Eine originelle Idee, wie sie nur Kindern einfallen kann. Denn mit der Fee bedienen sich die jungen Filmemacher der Märchenwelt, die ihrer Sicht entspricht und ihnen genau das bietet, was an „Kartoffelnasen“ so überzeugt: kreative Lösungsansätze, die ohne aufgesetzte Moral auskommen. Zusammen mit den tollen schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten ist diese Kinderfilmproduktion im wahrsten Sinne des Wortes „bezaubernd“.

Sonderpreis zum Thema „Alles öko?!“


Zankapfel Müll


Mit der Ökonomie und Ökologie der Münchner Verbrennungsanlage Nord setzt sich der Film „Zankapfel Müll“ auseinander. Die Reportage, deren Interviews in ein Streitgespräch zweier Studenten eingebettet sind, wirkt professionell produziert und im besten Sinn sendfähig. Die Jury empfand die Reportage motivierend und unterhaltsam. Der Film setzt sie sich ausgesprochen informativ mit dem Sonderthema „Alles Öko?“ auseinander und erhält daher den Sonderpreis.

Lobende Erwähnungen


Alienicious


Einen Film komplett mit dem Computerspiel „Sims2“ zu produzieren, ist schon ein enormer technischer Aufwand: Drehorte zusammenbauen und einrichten, Aussehen und Charakter der animierten Figuren kreieren, deren Bedürfnisse steuern, damit sie beim Filmen nicht einen Hungertod sterben und noch vieles mehr. Dass die Jungengruppe des Intermezzo mit ihrem ersten Machinima eine Geschichte erzählt, die gleich an mehreren, mühsam ausgestalteten und außergewöhnlichen Orten, zum Beispiel in einem Ufo spielt, begeisterte die Jury und muss gelobt werden. Es zeigt, mit welcher Experimentierfreude sich das Team an dieses neue Genre gewagt hat. Der amüsante Science-Fictionfilm um die nette Alienfrau hat die Jury überzeugt: Sie möchte mehr von dieser innovativen Form des Filmemachens sehen!

ELSER


Das historische Ereignis vom 8. November 1938, Georg Elsers fehlgeschlagener Versuch, Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer dort eingemauerten Bombe zu töten, überhöht Benedikt Steierer durch ein fiktives Verhörprotokoll des Attentäters.

Ein im Voice-Over gehaltener Monolog Elsers, der durch keinerlei Fragen unterbrochen wird, lässt die Ereignisse vor und nach dem Attentatsversuch Revue passieren. In zum Teil tagträumerischen Überlegungen reflektiert der Erzählstrang auf der Tonspur weniger den Hergang der Tatvorbereitung und Verhaftung, als vielmehr flüchtige Tageseindrücke und weitreichende Hoffnungen, die Elser für Deutschlands Zukunft an das Attentat knüpft. Dem Monolog ist ein Bildteppich von grau-blauen Detailaufnahmen der protokollierenden Schreibmaschine vor schwarzem Hintergrund unterlegt, der weder einen Protokollanten – man sieht nur gelegentlich dessen Hände – noch dem Verhörten je ein Gesicht konzediert.

Diese bildliche Beschränkung auf die Schreib-Apparatur des Polizeiapparats ist mit vielen Detailaufnahmen – sowohl von der Schreibmaschine als auch einzelner Wörter auf dem Papier – in handwerklicher Könnerschaft umgesetzt worden. Das minimalistische Verfahren lässt einerseits der Vorstellungskraft des Zuschauers unbeeinträchtigten Freiraum im Bezug auf das Erzählte und bringt andererseits bildhaft die Mechanik eines Staatsapparats symbolisch mit einer (Reichs-)Adler-Schreibmaschine ins Spiel, deren anonymer, stählerner Duktus als Aufschreibsystem in sinnfälligem Kontrast zu den menschlichen Befindlichkeiten des totgeweihten Attentäters steht.

In der Reduktion seiner visuellen Erzählmittel findet Benedikt Steierer eine unverkitschte, die Jury beeindruckende „Ausschmückung“ einer Heldentat, der leider ihre historische Tragweite verwehrt blieb.

Geisterbahn


Die Schüler der Klasse 5 a des Michaeli Gymnasiums setzten sich nicht vor den Computer, um einen Musikclip zu drehen, sondern packten Pappe, Papier und Farbe aus, drehten ihre eigenen angsterfüllten, aber doch lachenden Gesichter und schufen eine herrliche Kamerafahrt durch ihre selbstgeschaffene höllische Pappfigurengeisterbahn.

Die Filmemacher erbrachten aber vor allem den Beweis, dass es viel schöner ist selber etwas zu erfinden und zu gestalten, als sich der Trickkiste öder Digitaltricks zu bedienen. Dafür gibt ihnen die Jury gerne eine lobende Erwähnung.